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Prostitution : legalisieren, Ja oder Nein ?

KOPFZERBRECHEN IN EUROPA


In europäischen Ländern wie in Deutschland und den Niederlanden ist Prostitution legalisiert, jedoch nur für EU-Bürger. Diese Einschränkung will den allgemeinen Frauenhandel einschränken, aber manchmal verschlimmert sie die Situation.

Der internationalen Migrations-Organisation zufolge, kommen 80 % der 10 000 Frauen in Deutschland, die Opfer des Schwarzhandels wurden, aus Zentral- oder Osteuropa (und nicht wie man vermuten könnte aus Asien). Eine gewisse Anzahl der Frauen war sich darüber im Klaren, dass sie sich prostituieren müssen, wenn sie ihr Land verlassen,jedoch hätten sie nicht erwartet, dass die Umstände, in denen sie leben werden, so hart sind. Oft nimmt man ihnen ihren Pass und ihr Geld weg, mit dem sie zurück in ihr Heimatland hätten gehen können. Teilweise werden sie vergewaltigt, an Clubs oder an andere Zuhälter verkauft. Und wenn sie rebellieren, werden ihre Familien in ihrem Heimatland bedroht.

Die deutschen Gesetze sind darauf ausgerichtet, sie zu schützen, aber da sie nicht legal arbeiten können, sind sie an ihren Immigranten-Status ohne jegliche Rechte gekettet. 1997 haben die deutschen Behörden über 1 500 Frauenhandel-Ofer festgenommen, wovon 95 % abgeschoben wurden.

Der "Internationale Sex-Führer", der in den USA für 30 Dollar zu haben ist, liefert seinen Lesern "gute Tips" für den Sex auf der ganzen Welt. Es ist darin zu lesen : "Seitdem die Chinesen ihren Reichtum verkündet haben, haben es die Frauen ohne Geld, ohne Beziehungen und ohne intellektuellen Fähigkeiten gut, die ihr einziges Gut, das sie haben, ausnutzen, um schnell reich zu werden. Sie brauchen nur ein Zimmer, ein Bett und eine rote Stehlampe, um ihr eigenes kleines Bordell zu betreiben. Diese Frauen verdienen auf diese Art mit 30 Dollar pro Klient mehr, als wenn sie in der Fabrik für vier Dollar am Tag arbeiten. So sieht die Realität in fast allen unterentwickelten Ländern aus". Im gleichen Buch steht weiter hinten, dass jeder den grössten Profit aus seinem Handel ziehen muss : "Wenn eine Person es vorzieht,ihren Körper auf diese Weise zu benutzen als für einen sklavenhalterähnlichen Chef zu arbeiten, und wenn die Männeer akzeptieren, mehr zu bezahlen als einen Hungerlohn, warum denn nicht ? Solange es weder Ihr Körper noch Ihr Geld ist, geht sie das nichts an. Und solange die wirtschaftlichen Probleme dieser Erde noch nicht gelöst sind, muss eben jemand bezahlen".

Jemand, ja, aber wer ? Die Ärmsten, die Verletzlichsten ? Die Sexindustrie hat eine internationale Dimension angenommen ; sie stellt eine wichtige Einkommens-Quelle für zahlreiche Länder, besonders in Asien, dar. Das Problem ist,dass Prostitution nicht ganz legal ist. Würde die Legalisierung die Ungleichheiten und den Missbrauch, den die prostituierten Frauen erleiden, aufheben ? Oder hätte sie die Auswirkung, Jahrzehnte des Kampfes um die Menschenrechte und den Status der Frau zugrunde zu richten ?


STÄNDIGER MEINUNGSAUSTAUSCH DER BEIDEN LAGER


Auf den ersten Blick handelt es sich hier um eine endlose Debatte. Aber nur auf den ersten Blick ! Denn die Debatte dreht sich nicht mehr um die Moral,-ist die Prostitution ein Laster und sind die Schuldigen die Menschen ?-sondern um Ethik -ist die Prostitution eine Form von Ausbeutung, die abgeschafft werden muss, oder eine Aktivität die man mit Regeln versehen muss ?

Diese Fragen spalten die Frauenbewegungen auf der ganzen Welt. Im Grossen und Ganzen stehen sich zwei Lager gegenüber. Das eine kämpft für die Abschaffung der Prostitution : das ist die Koalition gegen Frauenhandel zum Beispiel. Das andere Lager betrachtet diese Frauen als "Berufstätige im Sexgeschäft" denen man ihre Rechte zugestehen muss : das ist die Position der Niederlande, der USA, und Englands. Der Meinungsaustausch zwischen den beiden Lagern ist gross. Die Koalition sagt, dass die andere Seite die Interessen der "Zuhälter und Schwarzhändler" vertrete. diese jedoch antworten darauf, dass die "Abschaffer" die in ihrem Elfenbeintürmchen des universitären Feminismus eingeschlossen sind, vom alttäglichen Leben der prostituierten Frauen völlig abgeschnitten sind.

Die Grenzlinie liegt bei der Unterscheidung zwischen "freiwilliger" Prostitution, die von den "Berufstätigen im Sexgeschäft" gefordert werden, und der "gezwungenen" Prostitution, um die es sich, nach der Meinung der "Abschaffer", bei der grossen Mehrheit der Frauen handelt.

"Die Unterscheidung zwischen freiwilliger und gezwungener Prostitution rückt die sozialen und wirtschaftlichen Umstände wie Armut, Marginalisierung,Perspektivelosigkeit und vorhergegangenen sexuellen Missbrauch ins Dunkel" beurteilt Aurora Javate de Dios der Asien- Pazifik-Abteilung der Koalition. "Die Wirtschaftskrise, die Naturkatastrophen , das politische Schwanken und Konflikte machen Frauen und Kinder noch verletzlicher und produzieren so eine leichte Beute für Sexgeschäftwerber", und dies vor allem in Entwicklungsländern.

In ihren Augen legitimieren die Gesetze, die versuchen die beiden Typen von Prostitution zu unterscheiden, gleichzeitig die patriarchialischen Verhaltensweisen und dienen dazu, die extremen Formen von Zwang zu identifizieren, ohne den Faktor Armut zu berücksichtigen.

Im anderen Lager scheint die Grenze zwischen freiwilliger und gezwungener Prostitution genauso fliessend zu sein. "Wann haben die Leute schon die Wahl einen Beruf zu ergreifen ? Was ist mit dem Arbeiter in seiner Chemiefabrik, dessen Einkommen ihn gerade überleben lässt ? Und die Frau, die wegen ihrer sozialen Herkunft ihre Kompetenzen nicht weiterentwickeln kann ? Warum sollte die Frage der Wahl in der Prostitution so wichtig sein ?", fragt Lin Chew, eine ehemalige Redensführerin der Vereinigung gegen Frauenhandel, einer Gruppe aus den Niederlanden.

Die beiden Seiten sind sich jedoch insofern einig, dass sie die Notwendigkeit der Aufhebung von Strafen und die Ausserkraftsetzung von Gesetzen, die Prostituierten im Namen der Moral und der öffentlichen Ordnung verfolgen, beide sehen. An allem darüber hinaus scheiden sich jedoch wieder die Geister. Für die "Abschaffer" sind die Frauen Opfer, aber jeder der aus dieser Ausbeutung Profit zieht, soll verurteilt werden. Nach Ansicht der Gruppen, die die Prostituierten verteidigen, hilft man den "Berufstätigen im Sexgeschäft" nicht, wenn man ihre Arbeitgeber dazu verurteilt, in den Untergrund zu gehen. Man kann trotzdem ein Minimum garantieren, d.h. dass die "Berufstätigen im Sexgeschäft" vor Arbeitsrisiken geschützt und korrekt behandelt werden. So kommen wir nun zur Rolle des Staats.

Bei dieser Frage spalten sich die Gruppen für die Rechte der Prostituierten. Manche sind für die komplette Straffreiheit, d.h. das Entfernen jeglicher Reglementierung.

Andere kämpfen für die Legalisierung der Prostitution mit geregelten Kontrollen. Zum Beispiel : es könnten Lizenzen erteilt werden, die man nur nach sanitären Kontrollen erhalten kann ; die Stadtplanung könnte "Eros Center" ausserhalb der Wohnsiedlungen einplanen ; die "Arbeitsorte" sind einer Ordnung unterworfen, die z.B. Beleuchtung, Belüftung, die Matratzenqualität oder Brandvorsorgung regelt ; es könnte als illegal erklärt werden, dass eine Frau mit dem Klienten Alkohol konsumiert ; Spezialumstände könnten bei der Steuererrechnung mitspielen ; es könnte eine soziale Absicherung gewährleistet werden.

Theoretisch soll diese Art von Reglementierung die Prostituierten schützen. Aber gewisse Texte bewirken genau das Gegenteil, heben mehrere Gruppen von "Berufstätigen im Sexgeschäft" vor.

Was die vom Staat geleiteten Freudenhäuser betrifft, ist die amerikanische Gruppe Coyote (für die vollständige Straflosigkeit der Prostitution) der Meinung, dass es "keinen schlimmeren Alptraum gibt, als als Beamter im Sexgeschäft arbeiten zu müssen, wo auch von Seiten der Polizei ein langjähriger Missbrauch zu verzeichnen ist... Auf der anderen Seite mögen die Kunden sicherlich Bordelle lieber -ein Mann kommt an einen Ort, wo alle Frauen in Reih und Glied geordnet darauf warten, ausgewählt zu werden-aber für die Frauen ist diese Situation extrem unangenehm und erniedrigend."


PROSTITUTIONSKURSE...


Was die Lizenzen betrifft, die "legalen" Bordellen oder Prostituierten, die sich regelmässig medizinischen Kontrollen unterziehen, ausgehändigt werden, bemerken die Redensführer der Gruppe Coyote, dass diese "in keiner Art und Weise die Sicherheit des Klienten oder der Prostituierten garantieren". Ihrer Meinung nach sollte man die Prostituierten nicht dazu verpflichten, sich Kontrollen in schlecht ausgestatteten, öffentlichen Ämtern zu unterziehen, wo sie oft wie Vieh behandelt werden. Sie werden sich selbständig untersuchen lassen und das gemäss der einzigen Regel der Konkurrenzfreiheit.

Und Coyote fügt schonungslos hinzu : "Ein Restaurant verliert seinen guten Ruf, wenn das Essen nicht frisch ist und die Gäste krank werden ; die selben Selbstregulierungen gelten auch für die Prostitution."

Die Koalition gegen den Frauenhandel meint, dass die Diskussion über die Rolle des Staats die eigentlichen Aufgaben verschleiert. Sie sind gegen die Bezeichnung "Berufstätige im Sexgeschäft" für Prostituierte : es ist verachtend für sie, weil die Rollen der Zuhälter, der Werber oder der Frauenhändler legitimiert wird. "Das was die prostituierten Frauen in ihrem Geschäft erleben, nennt man in einem anderen Kontext sexuelle Belästigung oder sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz", erklärt Janice Raymond,von der Koalition. In ihren Augen existiert der Missbrauch nach wie vor, auch wenn die Prostituierten dafür bezahlt werden.

J. Raymond sagt, dass es in den Niederlanden kostenplichtige Kurse gibt, an denen werdende Prostituierte oder Prostituierte, die sich weiterbilden wollen, teilnehmen können. Man macht dort Rollenspiele in Bars und lernt selbst etwas über die Geldwirtschaft in der Prostitution. "Welche halbwegs vernünftige Person würde einen Jugendlichen dazu ermutigen, einen solchen Kurs zu machen ? Warum wird es erlaubt, Werbung für solche Kurse zu machen, wenn doch nichts dafür getan wird sie aus diesem Milieu herauszuholen?", fragt J. Raymond. und sie gibt die Antwort : "Weil es viel einfacher ist, zu glauben, das die Prostitution eine Wahl der Frauen ist... Wenn die Frage der Wahl gestellt werden soll, stellen wir sie doch der Klientel. Warum kaufen sich männer die Körper von Millionen von Frauen und Kindern, nennen das Sex und haben dabei offensichtlich grossen Spass ?"


DIE GESETZE DER PROSTITUTION


Die Konvetion von 1949 der Vereinigten Nationen "für die Repression des Menschenhandels und der Ausbeutung der Prostitution Dritter" wurde von 72 Ländern ratifiziert. Sie beinhaltet Folgendes : "Die Prostitution und das Elend das dazugehört (...) sind nicht vereinbar mit der Würde und dem Wert eines menschlichen Wesens". Die Unterzeichner der Konvention sind übereingekommen, dass "Jede Person betraft werden soll, die :
  • die Prostitution einer anderen Person ausbeutet, selbst wenn diese einverstanden ist ;
  • ein Freudenhaus hält, leitet, finanziert oder bei der Finanzierun dessen hilft ;
  • ein Gebäude verschenkt oder wissentlich zu Zwecken der Prostitution anderer Menschen vermietet".

    In diesem Zusammenhang hat die Regierung drei Arten von Politik eingeführt :
  • Verbot. Eine Zahlung anzunehmen oder, wenn auch nur gelegentlich, eine Zahlung für Sexualität zu leisten, ist illegal und wird verfolgt. So ist die Lage in den Golfstaaten und in den meisten Staaten der USA.
  • Bestrafung. Das Gestz verbietet weniger die Prostitution selbst, sondern eher die Aktivitäten die an die Prostitution gebunden sind, wie Kundenfang, Werbung, allein von dem Einkommen der Prostitution zu leben, das Rekrutieren von Prostituierten, oder zu exportieren. Das ist der Fall in Westeuropa, Indien, Südostasien, Kanada , Australien, im Pazifik und in den meiten lateinamerikanischen Ländern.
  • Regelung. Das Gesetz sieht Ausnahmen vor für die Aktivitäten die mit der Prostitution verbunden sind und gewissen Bedingungen gerecht werden (besonders medizinische Pflichtkontrollen).



EINIGE BEISPIELE


  • In Brasilien ist die Prostitution legal, aber es ist illegal, ein Bordell zu leiten, Zimmer an Prostituierte zu vermieten, Kinder auszunützen oder vom Prostitutionsgehalt zu leben.

  • In Kanada verbietet das Gesetz nicht die Prostitution selbst, sondern bestraft viele Aktivitäten, die damit zusammenhängen, wie z.B. Kundenfang, Prostitutionsgehalt leben, Zimmer vermieten, etc.

  • In Dänemark ist es nicht illegal, sexuelle Dienste anzubieten, solange dies nicht die einzige Einnahmequelle ist (welche als "Vagabundieren" verurteilt wird).
    Die Rekrutierung ist illegal.

  • Griechenland und die Türkei haben die Prostitution legalisiert.
    Die Frauen müssen sich in Listen schreiben lassen und sich bis zu zwei mal die Woche ärztlich untersuchen lassen.

  • In Indien ist sie trotz der zahlreichen Gesetze gegen die Prostitution, sehr verbreitet. Das gleiche gilt für den Frauenhandel.
    Die Lebensumstände der prostituierten Frauen sind dort abscheulich.

  • Im Senegal ist es illegal, dabei zu helfen, Prostituierte zu rekrutieren, von ihren Einkünften zu leben oder ein Bordel zu betreiben.
    Die sich prostituierenden Frauen müssen gemeldet sein, eine Karte besitzen und sich medizinischen Untersuchungen unterwerfen. Die Mehrzahl der Frauen arbeitet auch im informellen Sektor. Das Gesetz wird fast nicht angewandt.

  • In Thailand ist es illegal sich zu prostituieren oder von der Prostitution zu leben, aber die Gesetze greifen dort nicht.


Auszug aus dem "Courrier de l'UNESCO", Dezember 1998

Übersetzung ins Deutsche : Effi Ottmüller


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